Historisches Piano ohne Namen

Historisches Piano verstimmt Historisches Piano gestimmt

Sie hören die Aufnahmen eines Pianos, das man sicher als historisch einstufen kann. Leider wurde bei Oberflächenarbeiten der Namen auf der Innenseite der Tastenklappe übermalt. Und damals waren die Pianoforte-Verfertiger offensichtlich noch nicht so Marken-bewusst, dass sie Wert darauf gelegt hätten, Ihre Marke im Inneren nachhaltig zu dokumentieren. Doch anhand der Konstruktionsmerkmale ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass dieses Piano deutlich vor 1900 gebaut worden ist. Folgende Besonderheiten kennzeichnen das Instrument aus unserem Hörbeispiel:

  • Es handelt sich um einen so genannten Geradsaiter,
  • ausgestattet mit einer Oberdämpfermechanik sowie
  • mit einem Una-Corda-Pedal.

Die Oberdämpfung musste wegen der im Übergang von der Mittellage zum Diskant schlechten Dämpfungseigenschaften schon circa 1870 der Unterdämpfung weichen. Die Namen beziehen sich auf die Position der Dämpfung zum Klavierhammer. Oberhalb des Hammers ist es demnach eine Oberdämpfung. Diese sitzt relativ nah am Saitenrand und hat wegen der Platzverhältnisse im Übergang von der Mittellage zum Diskant kaum noch Raum für die Fläche des Dämpferfilzes. Daher war die Überlegung naheliegende, den reichhaltigen Raum unterhalb des Hammers für die Dämpfung zu nutzen. Doch diese beiden Dämpfungssysteme haben noch einen Unterschied, der sich auf die Spielart auswirkt. Bei der Oberdämpfung sind die Dämpfer mit kleinen Bleien gewichtet. Somit muss man bei dieser Mechanik genauso wie heute noch beim Flügel lediglich Gewichte bewegen. Diese Spielart empfinden wir als authentischer, da wir den Umgang mit Gewichten im Schwerkraftfeld der Erde von Geburt an gewohnt sind.

Im Gegensatz dazu wird bei der Mechanik mit einer Unterdämpfung der Dämpfer mit einer Feder gegen die Saiten gedrückt, um diese zu dämpfen. Das Überwinden der Federkraft ist aber im Vergleich zum Überwinden von Gewichten im Schwerkraftfeld der Erde anders. Die Gegenkraft der Feder steigt nämlich an, umso mehr die Feder zusammengedrückt wird. Dieses Spielgefühl empfinden wir als unangenehm. Wir begegnen ihm eindeutig ablehnend, wenn wir ein Keyboard spielen, da hier zusätzlich auch unsere Klangerwartung oftmals nicht erfüllt wird. Bei der elektronischen Variante des Pianos gibt es keine Mechanik und daher fehlt die Notwendigkeit eines Gewichts hinten auf der Taste. Am Keyboard oder E-Piano wird die Taste ausschließlich durch eine Feder unter der Taste zurück in die Ausgangsposition gebracht. Um höherwertigen elektronischen Tasteninstrumenten ein besser Spielgefühl zu verleihen, werden diese daher mit gewichteten Tasten ausgestattet. Damit entspricht das Spielgefühl zwar eher einem Klavier, aber eben noch lange nicht dem eines Flügels. Würde man jedoch in den Klavieren mit einer ähnlichen Mechanikkonstruktion wie bei der Oberdämpfung spielen können, hätte man unter dem Gesichtspunkt des Spielgefühls beim Bewegen der Mechanik am Ende der Taste ein zum Flügel identisch positives Erlebnis. Das hier geschilderte Beispiel ist einer von mehreren vorstellbaren Fällen, wie man das herkömmliche akustische Klavier mit einem für den Klavierspieler relevanten Mehrwert aufladen kann. Dass die Klavierindustrie diese Wege komplett vernachlässigt, ist eines der großen Rätsel des Klaviermarketings.

Der Geradsaiter ist der Vorgänger des heute üblichen Kreuzsaiters. Das heißt, bei den meisten Klavieren und Flügeln, die seit dieser Erfindung 1870 gebaut worden sind, überkreuzen sich die Bass- mit den Diskantsaiten. Der Grund liegt vor allem daran, dass man den Raum für den einzelen Ton auf dem Resonanzboden entzerren wollte. Beim Geradsaiter lagen alle Saiten auf einem Steg. Dagegen bekommt der Ton mehr Raum beim Kreuzsaiter, da nun für den Bass und den Diskant zwei getrennte Stege zur Verfügung stehen. Darüber hinaus können beim Kreuzaiter höhere Zugkräfte gehalten werden, was eine der technischen Voraussetzungen dafür war, dass sowohl der Kammerton als auch die Bezugsstärke steigen konnten. Die Bezugsstärke ist ein wichtiges Kriterium für die Lautstärke, die wiederum für die Größe der Konzerthallen relevant ist.

Wie so oft, wenn es einen Trend gibt, dessen Ziel niemand ausdrücklich definiert hat, rennen zwar alle in eine Richtung, kommen aber selten am Ziel an. So war und ist es im Klavierbau bei dem Bemühen um diese Stärke, nämlich laut sein zu können, die Lautstärke. So übersieht man geflissentlich, dass nur eine sehr kleine Gruppe in großen Konzerthallen spielt. Die Masse der Klavierspieler beschallt hingegen nur das Wohnzimmer. Und für diese vergleichsweise kleinen Räume sind die meisten Klaviere und ganz bestimmt alle Flügel zu laut. Bei den vor 1900 gebauten Klavieren traff häufig die gleiche Mehrwert-Technik wie im Flügel an, um eben nicht nur laut sondern auch leise spielen zu können. Das linke Pedal ist das Leisepedal. Das Leisespiel gelingt technisch zum einen, indem man die Anschlagsstärke beim Drücken der Taste reduziert. Dieser Ansatz wird darüber insofern unterstützt, indem man durch Treten des linken Pedals die Klaviermechanik seitlich verschiebt. Ein Pedal mit dieser Funktion nennt man aus dem folgenden Grund ein Una-Corda-Pedal: Durch die Verschiebung der Klavier- oder Flügelmechanik reduziert sich im oberen Bass, der Mittellage sowie im Diskant der Ton um jeweils eine von 2 bwz. 3 Saiten. Durch die Reduzierung des Saitenvolumens erreicht man garantiert eine Verringerung der Lautstärke. Der Vollständigkeit halber sei hier erwähnt, dass man im unteren Bass bei nur einer Saite pro Ton die Absicht des Leisespiels insofern unterstützt, indem man die Hälfte des Hammerkopfes weicher intoniert, die nach der Verschiebung angeschlagen wird. Da diese Technik jedoch im Klavier nicht ganz einfach zu realisieren war, ging man zum Großteil schon vor 1900 zu der einfacheren Lösung über, den Hammerweg zu verkürzen. Weniger Weg = weniger Kraft = weniger laut. Das war die Rechnung der Klavierbauer. Dass diese Rechnung nicht aufgegangen ist, sieht man fast jedem Klavier an: Das linke, also das Leisepedal, ist stumpf, da es niemand benutzt. Das rechte Pedal, mit dem den Ton länger halten kann, also die Lautstärke steigern oder auch Resonanzen erzeugen kann, ist dagegen aufgrund der intensiven Nutzung poliert oder sogar regelrecht abgenutzt. Auch hier wäre also ein konkretes Beispiel gegeben, wie man einen für die Klavierspieler relevanten Mehrwert beim herkömmlichen akustischen Klavier erzeugen könnte, wenn man nur wollte.

Das Klavier aus unserem Hörbeispiel verfügt zwar über ein Una-Corda-Pedal. Aber der Verfertiger dieses Pianos hatte die Technik leider nicht beherrscht. Daher gibt es von diesem Klavier auch keine Bilder und/oder ein Video. Doch unter den folgenden Links finden Sie Hörbeispiele, Geschichten, Bilder und Videos vom Una-Corda-Pedal im Klavier:

Wenn Sie sich die Hörbeispiele unseres historischen Pianos anhören, werden Ihnen vermutlich ähnliche Fragen wie mir in den Sinn kommen:

  • Ist an dem Klavier noch alles in Ordnung? Vermutlich nicht. Wie groß sind die Schäden? Was kann man vor Ort tun?
  • Muss man das Klavier vorstimmen? Die Antwort ist nicht schwer: Mit Sicherheit ja!

Die Schäden im Klavier sind offensichtlich. Auf einem Bild sieht man einen starken Riss im Stimmstock, der unmittelbar einen Stimmnagel betrifft. Das kann bedeuten, dass Stimmnagel die im Vergleich zu anderen Saiteninstrumenten hohe Spannung der Klaviersaite nicht mehr halten kann. Je nach dem Grad der noch vorhandenen Haltbarkeit der Saitenspannung über den Stimmnagel im hölzernen Stimmstock verstimmen sich einzelne Töne schneller wieder oder die Saite lässt sich gar nicht mehr auf die gewünschte Tonhöhe ziehen.

Bei unserem historischen Piano hatte ein Kollege oder Laie vorher schon in der Mittellage versucht, das Klavier auf die heute übliche Tonhöhe hoch zu ziehen. Dabei ist ihm gleich eine Saite gerissen. Gerade bei älteren Klavieren steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Saiten abreißen können. Man liest gelegentlich vom so genannten Saitenbruch. Einen solchen kann man unten an der Aufhängung der Saite an deren Öse auf dem nächsten Bild sehen. Auf diesem Bild erkennt die Ursache für ein zusätzlich erhöhtes Risiko: Rostige Saiten! Rost verwandelt jede Biegung einer Saite in Soll-Bruchstellen.

Klaviere mit einer Oberdämpfung haben eine schlechtere Dämpfung, wie ich es oben bereits erläutert habe. Zusätzlich dämpfen Oberdämpfermechaniken häufig schlechter, wenn die Mechanik in der Mittellage zu wenig Druck gegen die Saiten übermitteln kann. Daher hat sich jemand die Lösung auf dem folgenden Bild einfallen lassen. Das zeugt von Geschick und einem problemlösungsorientierten Denken. Doch an den Stimmnägeln links daneben kann man unschwer erkennen, dass der Stimmer zum Stimmen offensichtlich nicht das Werkzeug eines Fachmanns genommen hat.

Mit dem falschen Werkzeug kann man Stimmnägel derart beschädigen, dass sie nicht mehr stimmbar sind. Sollten Sie also Interesse daran haben, Ihr Piano selbst stimmen zu wollen, so finden Sie bei der Klavierstimmerei Praeludio® professionelle Hilfe und Unterstützung, damit Sie auch sicher bei Ihrem Ziel ankommen, ohne Ihr Piano dabei zu ruinieren: Praktikum Selberstimmen.

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