Klavierservice an einem 115 Jahre alten Piano

F. Adam Piano verstimmt F. Adam Piano gestimmt Ohne Pedalgeräusch

Aus Interesse frage ich meine Kunden, welche Ziele sie haben, wenn sie sich ein Klavier kaufen. So war es auch in diesem Fall. Ursprünglich hat meine Kundin einmal Keyboard gelernt. Nun besteht der Wunsch, diesen Anfang fortzusetzen und sich dabei gleichzeitig lerntechnisch zu fordern. Das heißt konkret: Beim Keyboardspiel wurden die beiden Hände derart genutzt, das man links Akkorde gespielt hat, während die rechte Hand für die Melodie zuständig war. Die rechte Hand ist somit für das Bedienen der Klaviertasten geschickter im Sinne von besser trainiert als die linke Hand. Die unterschiedliche Geschicklichkeit der Hände ist ein Alltagsphänomen und ergibt sich insofern eine besondere Herausforderung an die so genannte Händigkeit, da beide Hände gleichzeitig in anspruchsvoller Vielfalt genutzt werden. Meiner Kundin konnte ich Mut machen, da man ja die Melodien der linken und rechten Hand beim Klavierspiel in vielen Fällen als Akkord zusammenziehen kann. In der Umkehrung erkennt man dann, dass die Melodien nichts anderes als auf-gebrochene Akkorde sein könnten. Komplexität zu reduzieren ist die Leistung eines guten Klavierunterrichts bzw. die Kunst beim Selberlernen.

Daraus ergibt sich gleich die nächste Frage: Wie wollen Sie vorgehen? Werden Sie sich einen Klavierlehrer suchen oder ziehen Sie das Lernen als Autodidakt vor? Sie will zuerst einmal dort anfangen, wo sie einst aufgehört hat, um zu sehen, was denn noch so geht. Erst dann will sie beurteilen, ob es alleine geht, oder ob sie die Hilfe eines Lehrers braucht. Sie geht also die ersten Schritt in einer Art Selbstversuch, der ein gewisses Selbstvertrauen voraussetzt. Das finde ich immer wieder interessant, da mir relativ häufig Klavierspieler begegnen, die Selbstlerner sind. Und deren Ergebnisse sind wirklich beachtlich. Daher bestätige ich gerne diese Selbstlerner in ihrem Weg und versuche sie zu inspirieren, ihren persönlichen Lernweg mit einem Tagebuch zu begleiten. Das wird zu einem den Selbstlernprozess aufgrund des schriftlichen Nacharbeitens optimieren. Zum anderen hat man so im Verlauf von ein paar Jahren quasi nebenbei ein Buch geschrieben. Die Sammlung dieses Wissens könnte wieder von ganz besonderem Interesse für die Gemeinschaft sein, da die Einsichten der Hirnforschung oftmals nicht bei uns Menschen in unseren Bildungseinrichtungen ankommen, sondern der Robotik zu Gute kommen, da man dort nicht nur mehr Geld machen kann, sondern die Roboter-Hersteller diesen neuesten Erkenntnissen gegenüber aufgeschlossen sind.

Die Gelegenheit zum Klavierkauf ergab sich beim Angebot eines günstigen gebrauchten Klaviers. Dass die Welt der gebrauchten Klaviere ein kleines Universum ist, erfahren wir später. Die Hürde des hohen Preises beim Kauf eines neuen Klaviers wurde somit schon einmal umschifft. Nun musste man das große Teil ja nur noch nach Hause in den ersten Stock bekommen…

Das Klavier hat seinen Platz gefunden. Aber da gibt es einige ganz schreckliche Töne! Ein Klavierstimmer muss her! Wo findet man den? Soll man Telefonbücher wälzen? Oder einen Orgelbauer aus dem übernächsten Ort fragen, den eine Bekannte kennt? Nein, man macht es, wie ich es mittlerweile immer macht, wenn man etwas sucht: Man nutzt den Computer und verbindet sich mit dem Internet. Dort findet man Praeludio®. Die Informationen auf der Homepage lesen sich ansprechend. Also schreibt man eine E-Mail. Die Antwort kommt schnell. Der Terminvorschlag ist zeitnah. Also greift man zu.

Meine nächste Frage an die Kundin lautet: Wissen Sie, wie alt Ihr Klavier ist? Nein, das weiß sie nicht. Laut Angabe des Verkäufers soll das Klavier technisch in Ordnung und spielbar sein. Daher ermittele ich anhand des Herstellers Friedrich Adam aus Krefeld und der Seriennummer das Baujahr 1900. Im Jahr 1900?! Die Kundin ist sichtlich beeindruckt. Das Instrument ist über 100 Jahre alt! Sie begründet quasi für sich selbst ihr Erstaunen: Es gibt ja nichts anderes, was eine derartig lange Lebenserwartung hat! Das bestätige ich und ergänze: Ihr Piano hat 2 Weltkriege überstanden und so wie es vor uns steht, ist es noch im Originalzustand. Das heißt: Es wurde nie repariert oder gar generalüberholt. Man kann unseren Großvätern konstatieren, dass sie bereits um 1900 nachhaltig produziert haben! Aber wie steht es um den Verschleiß der Klaviermechanik? Nicht schlimm. Gelegentlich scheint die eine oder andere Hammernuss schon etwas abgenutzt zu sein. Aber die Klavierhämmer haben z.B. noch ihre Form. Der Hammerfilz ist nicht in Mitleidenschaft gezogen, obwohl man dem rechten Pedal deutlich ansieht, dass dieses Piano offensichtlich intensiv genutzt worden ist. Denn im Gegensatz zum scheinbar unbenutzten linken Pedal ist das rechte Pedal vorne durchgetreten!

Welche Konsequenzen hat das Alter des Pianos? Es kann doch nicht sein, dass ein so hohes Alter überhaupt keine Folgen hat? Nun, zum einen sollte man es nicht auf den seit 1939 üblichen Kammerton von 440 Hertz stimmen, da sonst das Risiko von Saitenbrüchen enorm steigt. Früher war der Kammerton tiefer. Um 1900 circa 430 Hertz. Bei Wikipedia kann man sich inzwischen umfassend über die Geschichte des Kammertons informieren. Zurück zu den Folgen: Genauso wie das Auswechseln von Hüfte, Knie, Schulter und neuerdings von Halswirbeln beim Menschen Konsequenzen hat, so hat auch das Auswechseln von Saiten beim Klavier Folgen. Konkret halten die neuen Saiten nicht mehr so gut die beim Klavier vergleichsweise hohe Spannung der Saiten, da der Halt des Stimmnagels im hölzernen Stimmstock durch das Ein- und Ausdrehen leidet. Daher stellt sich die Frage: Wollen Sie Klavier solo spielen, oder haben Sie die Absicht, mit anderen Instrumenten zusammen zu spielen? Wenn man alleine spielt, besteht keine Notwendigkeit, das Klavier höher zu stimmen. Man kann es auf der Tonhöhe lassen. Welche Folgen hat ein tieferer Kammerton? Genau betrachtet kann man diese Frage nur positiv beantworten. Denn die meisten Menschen suchen in der Musik die Möglichkeit, sich zu entspannen, Stress abzubauen. Daher wählen viele dieser musiksensiblen Leute das Klavier. Denn der Klavierklang moduliert unserer Gehör derart, dass entsprechende neuronale Zentren über den Hirnnerv die Information erhalten, unseren Körper auf Entspannung einzustellen. Das ist die Besonderheit der Wirkung des Klavierklangs. Daher ist es für die Klavierspieler enorm wichtig, dass das Instrument zuerst einmal gut klingt! Doch dieser Wohlklang wird aufgrund kostengünstigerer Produktionsverfahren durch die neue Klangnorm des so genannten brillanten Klangs attackiert. Wie bereits erwähnt liegt die Ursache in den veränderten Produktionsmethoden, die der bereits verstorbene Klavierkonstrukteur Klaus Fenner in seinem Buch mit dem Titel Praktisches Handbuch der Klavierkonstruktion beschrieben hat. Das Ziel der Klavierindustrie besteht darin, den Gewinn zu optimieren, indem man die Produktionskosten senkt. Daher veränderte man das Herstellungsverfahren: Anstatt Filze wie bislang zu walken, werden sie jetzt maschinell gepresst. Doch das Ergebnis geht zu Lasten der Qualität. Denn der grundtönige Klavierklang ist wie erläutert aufgrund seiner besonders entspannenden Wirkung eine Art Kernkompetenz des Pianofortes, der erst möglich wurde, nachdem Henri Pape 1826 Filzplatten über die Holzkerne der Klavierhämmer leimte. Die somit deutlich vergrößerte Kontaktfläche der Klavierhämmer beim Anschlagen der Klaviersaiten führte zu dem damals neuen und in der Wirkung so wunderbaren Klangmuster. Im Zusammenhang mit dem Wohlklang des Pianos optimiert der tiefere Kammerton die entspannende Wirkung der Musik im Sinne eines ganzheitlichen Wohlbefindens. Denn die geringere Tonhöhe lässt uns leichter entspannen, während uns ein höherer Kammerton stärker anspannt! Außerdem ist der Druck auf den Resonanzboden bei einer tieferen Tonhöhe geringer. Das führt dazu, dass der Resonanzboden befreiter schwingen kann, was sich wiederum auf den warmen Klang positiv auswirkt. Im Transfer kennen Sie dieses Phänomen von Ihrer Stimme: Wenn Sie entspannt sind, ist Ihre Stimme tiefer. Sind Sie hingegen angespannt, klingt Ihre Stimme höher. Im Extremfall wird die Stimmlage zum Kreischen!

Wie steht es um die Saiten? Müssen diese nicht nach einer bestimmten Zeit erneuert werden? Aus der Sicht des Klavierstimmers sind die Saiten ein Handicap hinsichtlich der Stimmbarkeit. Aber das hat nicht unbedingt etwas mit dem Alter der Saiten zu tun, sondern mit der Qualität der meist bis heute in Deutschland verwendeten Saiten. Bei älteren Klavieren kommt beim Stimmen erschwerend hinzu, dass die teils leicht rostigen Saiten mehr oder weniger verzögert auf die Aktionen des Stimmhammers am Stimmnagel reagieren. Das erschwert die Präzision als eines der Kriterien der guten Stimmung. In unserem Fall war es jedoch so, dass trotz der suboptimalen Stimmbarkeit das Ergebnis im Vergleich zum Ausgangszustand derart unterschiedlich war, dass man es als gut bewerten kann. Das ist zum Großteil der von Praeludio® über 10 Jahre entwickelten zeitgemäßen Hybrid-Stimmtechnik primaTEK© geschuldet. Der mögliche Fehler beim Stimmen wird aufgrund der breiteren Basis der verfügbaren akustischen und visuellen Informationen minimiert, was gleichzeitig das Ergebnis optimiert. Das Einhalten aller Kriterien der zugegebenermaßen recht komplexen Klavierstimmung überrascht selbst den Stimmer bei schlecht stimmbaren Instrumenten durch den so genannten Emergenz-Effekt mit einer insgesamt guten Stimmung. Die Überraschung resultiert daraus, dass man während dem Stimmen aufgrund der bewussten Wahrnehmung der Störungen z.B. in Form von Nebenschwebungen in den einzelnen Saiten davon ausgehen muss, dass das Ergebnis nicht so gut werden kann, wie man das gerne hätte. Wenn es am Ende dann aber besser als erwartet ist, dann ist das eine Überraschung. Sucht man nach einer Erklärung, so bietet sich die Emergenz als ein Auftauchen von neuen Eigenschaften aufgrund des Zusammenspiels anderer Elemente des Systems an.

Wie ist das mit dem Spielwerk? Wurde früher nicht eine andere Mechanik verwendet? Ja, das stimmt. Die verwendete Mechanik hat natürlich Konsequenzen. Dazu muss man wissen, dass aus heutiger Sicht bis circa 1870 alle wichtigen Erfindungen im Klavierbau geschehen waren. Doch da es keinen Klavier-TÜV gab, waren die Klavierbauer nicht gezwungen, die Neuerungen zu übernehmen. Übernehmen bedeutet übrigens an der Stelle, dass man natürlich die Ideen von Kollegen kopiert hat. Oder man hat sie eben nicht kopiert und in die eigene Produktion integriert, da man von den Neuerungen (noch) nicht überzeugt war. Das Kopieren war für deutsche Unternehmen damals eine Selbstverständlichkeit. Der bedenkenlose Umgang mit Patenten und Schutzrechten anderer Länder hat dazu geführt, dass sich die Engländer gegen die Billigprodukte aus Deutschland durch die Kennzeichnung Made in Germany zur Wehr gesetzt haben. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde daraus ein Gütesiegel. So hat unser Klavierbauer Friedrich Adam aus Krefeld bei dem 1900 gebauten Piano lediglich den damals vergleichsweise relativ neuen Kreuzsaiter verwendet. Aber er blieb bei der so genannten Oberdämpfer-Mechanik, bei der die Dämpfung oberhalb des Hammers sitzt. Diese Art der Dämpfung bewirkt häufig ein Nachklingen der Töne. Daher wird sie in der Regel negativ bewertet. Aber diese Dämpfung funktioniert nach den gleichen Kriterien wie die Dämpfung im Flügel, nämlich ausschließlich mit Gewichten. Die moderne Unterdämpfung verwendet stattdessen Federn, die die Dämpfer gegen die Saiten drücken. Die Kräfte, um Gewichte oder Federn zu überwinden, sind aber ganz unterschiedlich. So steigt bei der Feder der Widerstand an, umso stärker man eine Feder zusammendrückt. Das Überwinden von Gewichten empfinden wir im Gegensatz dazu als authentisch. Die moderne Klaviermechanik mit der Unterdämpfung hat somit immer den Touch der Klaviatur am Keyboard, die Klavier-Puristen eben wegen dem unangenehmeren Spielgefühl ablehnen. Diese Differenzierung hinsichtlich des Spielgefühls wird aber von den als Fachleuten wahrgenommenen Klavierstimmern in der Regel nicht durchgeführt. Denn zusätzlich zu dem eingangs erwähnten Nachklang erfordert die Oberdämpfung einen zeitlich höheren Aufwand beim Stimmen. Und im übrigen ist für die häufig zum Zusatzgeschäft angehaltenen Klavierstimmer jedes ältere Klavier eine herausragende Gelegenheit für den Verkauf eines neuen Instruments, da ja neu bekanntlich immer besser ist als alt. Aber auch hier muss man differenzieren. Man muss sich genau ansehen, worin sich neu und alt unterscheiden und diese Unterschiede muss man dann erst noch bewerten.

Sehr schön beschrieb meine Kundin ihr persönliches Empfinden hinsichtlich des Werts ihres Pianos: Die Wohnung bekommt durch das Klavier einen Mehrwert – insbesondere weil es schon über 100 Jahre ist! Also ein doppelter Mehrwert. Mir kommt der Gedanke: Wie könnte man den Mehrwert über den guten Klavierservice hinaus weiter steigern? Zum Beispiel indem man aus dem schönen alten Piano einen reizvollen Hingucker macht: Das Transparent-Piano möglichst mit farblich frei wählbaren und per Fernbedienung einstellbaren LED als das optimale Werkzeug zur Selbstharmonisierung am Piano in der so gestalteten heimischen Pianosphäre! Anstelle von teuer steht: Pianodesign selbstgemacht! Aber halt: Meine Kundin hatte ja keinen Lehrgang zum Ambitekten sondern lediglich eine Klavierstimmung gebucht! Lassen wir sie jetzt also die gute Stimmung ihres Pianos genießen!

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